Abtreibung - Schwangerschaftsabbruch: Für das Recht auf einen freien Entscheid

Aus: SVSS-RUNDSCHAU Nr. 66, Januar 2002

Siehe auch: "Babyfenster - Wer ist der Vater?"
Artikel in "Die Zeit" vom 8.5.2013

Billiger Propaganda-Gag

Klappe auf, Klappe zu

Mit grossem Medien-Tamtam hat die Gruppierung "Für Mutter und Kind", die ein totales Abtreibungsverbot verlangt, im Frühling 2001 in Einsiedeln eine "Babyklappe" eingerichtet. Bisher ist allerdings kein Kind dort abgegeben worden. Die Tötung ihres Neugeborenen durch eine Drogensüchtige in Zürich hat die Diskussion über die Babyklappe wieder aufleben lassen. Wie zu erwarten war, kann sie solche - zum Glück äusserst seltene - Dramen nicht verhindern.

Mit der Fristenregelung hat die Klappe schon gar nichts zu tun. Mit Sicherheit ist sie keine Alternative zum Schwangerschaftsabbruch. Frauen, die sich zum Schwangerschaftsabbruch entscheiden und die nötigen Schritte rechtzeitig unternehmen, handeln überlegt und haben ihr Leben einigermassen im Griff - im Gegensatz zu Frauen, die ihr Kind nach der Geburt aussetzen oder töten.

Die Absicht der Abtreibungsgegner ist offensichtlich: Sie wollten sich mit der Babyklappen-Aktion einmal mehr in Szene setzen, was ihnen auch gelungen ist.

Warum in Einsiedeln?

Rational betrachtet ist dieser Standort absurd, denn Einsiedeln ist ein kleiner Ort, ziemlich weit weg von grossen Agglomerationen und mit dem öffentlichen Verkehr relativ umständlich zu erreichen.

Die Wahl des Spitals in Einsiedeln für die Einrichtung einer Babyklappe dürfte vor allem darauf zurückzuführen sein, dass der gynäkologische Chefarzt des Spitals einer "der Ihren" ist. Er trat bereits als Referent an Veranstaltungen der "Lebensschützer" auf. Zum andern ist Einsiedeln ein symbolträchtiger katholischer Wallfahrtsort.

Aus Deutschland importiert

Die Idee der Babyklappe ist ein Importprodukt aus Deutschland. Auch dort wurden solche Klappen vor allem von Abtreibungsgegnern propagiert. Bisher wurden sie aber offenbar trotz massiver Werbung selten benutzt. Gleichzeitig entstand die Idee der anonymen Geburt, die eine medizinische Betreuung von Mutter und Kind gewährleiste.

Mittlerweilen regt sich aber in Deutschland gegen beides heftiger Widerstand, vor allem von Seiten der Fachleute - Adoptionsforscher, Familientherapeuten, Sozialwissenschafter, Psychologen - aber auch von Selbsthilfeorganisationen von Adoptierten.

Keine Problemlösung

Sie geben zu bedenken, dass Frauen, die ihr Neugeborenes töten oder aussetzen, schwerwiegende Persönlichkeitsstörungen aufweisen. Diese Frauen verleugnen oder verdrängen ihre Schwangerschaft. In der Stresssituation der Geburt handeln sie in Panik. Panik und bewusstes Agieren - wie die Planung einer anonymen Geburt oder die Abgabe in einer Babyklappe - schliessen sich aber gegenseitig aus. Das zeigt auch mit aller Deutlichkeit das Drama der Zürcher Drogensüchtigen, die ihr Neugeborenes zum Fenster hinaus warf.

Wie die Adoptionsforscherin Prof. Christine Swientek, Hannover, festhält, kann das Angebot der Babyklappe also nur ein Angebot an Mütter sein, die informiert sind und planen können, und die demnach ebenso gut - und weniger folgenschwer - eine Adoptionsfreigabe einleiten könnten. Die Zahl der Findelkinder werde infolge Babyklappe und anonymer Geburt nicht abnehmen, andrerseits bestehe aber die Gefahr, dass eine neue "Klientel" geschaffen werde: Kriminelle Täter könnten auf diese Weise missliebige Kinder aus Inzestbeziehungen, Zwangsprostitution und Frauenhandel "entsorgen" ohne Gefahr, erkannt zu werden. (1)

Problematik der Adoption

Swientek und andere weisen auf die grundsätzliche Problematik der Adoption hin. Wie die Adoptionsforschung belegt, leiden die meisten abgebenden Mütter zeitlebens mit Schuld- und Versagensgefühlen. Sie leiden häufig unter psychosomatischen Erkrankungen und sind oft selbstmordgefährdet. Im Fall von Aussetzung in Form der Babyklappe oder der anonymen Geburt, dürfte dies noch häufiger der Fall sein. "Was wir an Öffnung in den letzten 20 Jahren im Bereich der Adoption erreicht haben, wird durch die anonyme Geburt (und die Babyklappe. Anm.d.Red.) wieder beseitigt", schreibt Swientek.

Schwer betroffen sind aber insbesondere die Findelkinder. Sie haben nie die Chance, ihre Wurzeln kennen zu lernen. Viele leiden lebenslang daran. Die anonym Geborenen haben sich daher jetzt in Frankreich (das einzige Land wo das Gesetz bisher die Möglichkeit der anonymen Geburt vorsieht) zusammengeschlossen, um gegen dieses Gesetz zu kämpfen.

Eine neue Form der Leihmutterschaft

Das Argument, Frauen sollten Kinder austragen und kinderlosen Paaren zur Adoption geben, anstatt abzutreiben, führt die Diskussion um Leihmutterschaft auf einer anderen Ebene fort. Das Kind wird allemal zum Produkt. Der Unterschied: Anstatt gegen Bezahlung soll die ungewollt Schwangere das Kind kostenlos austragen und zur Adoption abgeben.

Adoption ist da, um elternlosen Kindern zu Eltern zu verhelfen, nicht um kinderlosen Paaren ein Kind zu verschaffen.

vgl. auch Adoption

(1) Swientek Chr. "Warum anonym - und nicht nur diskret? - Babyklappen und anonyme Geburt." Zeitschr. Familie, Partnerschaft, Recht Nr. 5/2001, 353-57

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Die Gegnerschaft