Abtreibung - Schwangerschaftsabbruch: Für das Recht auf einen freien Entscheid

Psychische Folgen ?

Ergebnisse systematischer Übersichten der besten verfügbaren Studien
Vor allem Erleichterung
Ernste Folgen selten
Vergleichsstudien SA/Geburt
Ungewollte Mutterschaft
SA als Lernprozess
Schwangerschaftsabbruch und Selbstmordtendenz
Spätabbrüche
Schweizer Studie
Die Quellen der Abtreibungsgegner

Siehe auch: - Bericht über ein internationales Symposium
- Psychologische Verarbeitung der medikamentösen Methode (Mifegyne,
  RU 486)
- Erfahrungsberichte von Frauen
- Das unerwünschte Kind
- Adoptionsfolgen

Ein Schwangerschaftsabbruch (SA) ist für viele Frauen ein schwieriger Entscheid und in jedem Fall eine schmerzliche Erfahrung. Er kann für eine Minderheit von Frauen - wie viele andere schwierige Entscheide im Leben - mit Traurigkeit, Reue, Schuld- oder Verlustgefühlen verbunden sein. Doch jede Alternative ist ebenso mit psychologischen Problemen verbunden, ganz besonders die Aufgabe des Kindes zur Adoption.

Schlussfolgerungen aus den besten verfügbaren Studien

In den Jahren 2008  und 2009 wurden drei umfassende Analysen der neueren wissenschaftlichen Untersuchungen über das psychische Befinden von Frauen nach einem Schwangerschaftsabbruch durchgeführt, zwei durch eine Expertengruppe der American Psychological Association APA, die dritte durch ein Forscherteam der Johns Hopkins Universität in Baltimore. Alle drei kamen zum Schluss, dass die qualitativ besten Studien die These widerlegen, wonach ein Schwangerschaftsabbruch psychische Probleme verursache. Vielmehr unterscheiden sich Frauen, die abgetrieben haben, in ihrer psychischen Gesundheit nicht von Frauen, die eine ungeplante Schwangerschaft austrugen.
American Psychological Association APA "Report of the APA task force on mental health and abortion", 5.7.2008
Brenda Major et al. "Abortion and Mental Health - Evaluating the Evidence". American Psychologist, 64, No. 9, 863–890 (2009)
Charles Vignetta E. et al. "Abortion and long-term mental health outcomes: a systematic review of the evidence". Contraception 78 (2008) 436-450

2011 wurde eine Studie publiziert, die auf dem dänischen Gesundheitsregister basiert, das sämtliche Gesundheitsdaten der Bevölkerung erfasst. Die Daten von 85'000 Frauen, welche zwischen 1995 und 2007 eine Schwangerschaft abbrechen liessen, zeigten auf, dass sich nach dem Abbruch nicht mehr dieser Frauen in psychiatrische Behandlung begaben als vorher. Schlussfolgerung der AutorInnen: Die Hypothese, ein Schwangerschaftsabbruch erhöhe das Risiko für psychische Störungen, lässt sich nicht belegen.
Munk-Olsen T. et al. "Induced First-Trimester Abortion and Risk of Mental Disorder", N.Engl.J.Med 2011;364:332-9

Eine 2011 durchgeführte Analyse der verfügbaren Studien durch ein Expertenteam der Academy of Medical Royal Colleges (London) ergab:

  • Eine ungewollte Schwangerschaft ist mit einem erhöhten Risiko für psychische Probleme verbunden. Solche Probleme treten gleich häufig auf, ob die Frau die Schwangerschaft abbrechen liess oder austrug.
  • Der zuverlässigste Prädiktor für psychische Probleme nach einem Schwangerschaftsabbruch ist eine Vorgeschichte psychischer Probleme vor dem Abbruch.
    Academy of Medical Royal Colleges / National Collaborating Centre for Mental Health, London, December 2011 "INDUCED ABORTION AND MENTAL HEALTH - A SYSTEMATIC REVIEW
    van Ditzhuijzen J. et al. "The impact of psychiatric history on women's pre- and postabortion experiences", Contraception, Vol 92, Issue 3, 246–253, 2015

Vor allem Erleichterung

Eine ganze Reihe von Studien und Übersichtsarbeiten über die wichtigsten und methodisch verlässlichsten Forschungsergebnisse der neueren internationalen Fachliteratur ergeben:

  • Die psychische Belastung der Frauen ist vor dem SA am grössten. Die ungewollte Schwangerschaft bedeutet eine Lebenskrise, die mit dem Abbruch der Schwangerschaft meist gelöst ist (Zolese, 1992).
  • Nach dem SA empfinden die meisten Frauen vor allem Erleichterung (Kero, 2004); 95% der Frauen bereuen ihren Entscheid nicht, sondern finden ihn auch 3 Jahre danach noch richtig (Rocca, 2015). Die vorher festgestellten psychischen Stress-Symptome sind verschwunden (Blaser, 1975).
  • Bei einer Minderheit der Frauen (je nach Studie 14 - 30 %) treten leichte - meist vorübergehende - Traurigkeit, Reue oder Schuldgefühle auf. Doch die positiven Gefühle sind auch bei diesen Frauen meist stärker als die negativen. Trotz der Trauer stehen sie zu ihrem Entscheid. Ein Gefühl des Verlustes, der Trauer, des Verzichts auf eine Lebensmöglichkeit ist nach einem SA im übrigen ebenso normal wie nach irgend einer andern schwerwiegenden Entscheidung, die eine Frau in ihrem Leben zu treffen hat.

Hinzu kommt, dass Schuldgefühle nicht zuletzt durch die Kriminalisierung, das Tabu, das den SA zudeckt, sowie die Stigmatisierung hervorgerufen bzw. verstärkt werden. Und natürlich durch die blutrünstige Propaganda und Sprache der extremen Abtreibungsgegner.

Schwerwiegende psychische Folgen sind selten.

Ernste psychische Probleme nach einem Abbruch haben - je nach Studie und Definition - 1 bis 20 % der Frauen. Oft sind es jene, die schon vor dem SA in psychiatrischer Behandlung waren.

Ein erhöhtes Risiko für negative Reaktionen besteht überdies bei Frauen, die eine ursprünglich erwünschte Schwangerschaft abbrechen müssen (aus medizinischen Gründen), die stark ambivalent sind, bei denen die Schwangerschaft weit fortgeschritten ist, die bei wichtigen Bezugspersonen keine Unterstützung finden, die sich in einem Glaubenskonflikt befinden oder auch bei sehr jungen Mädchen.

Ausserdem muss berücksichtigt werden, dass die psychischen Probleme in Wirklichkeit andere Ursachen haben können als die Abtreibung (Armut, Scheidung, Arbeitslosigkeit, Gewalt des Partners, sexueller Missbrauch usw.).

Vor allem:

  • Der Prozentsatz von Frauen, die nach einer Abtreibung unter psychischen Problemen leiden, ist nicht höher als bei Frauen, die eine ungeplante Schwangerschaft ausgetragen haben und insgesamt nicht höher als in der gesamten weiblichen Bevölkerung!
    Dieser Befund wurde durch eine Expertengruppe der amerikanischen Gesellschaft für Psychologie APA im Juli 2008 bestätigt, nach Durchsicht von über 220 wissenschaftlichen, seit 1989 publizierten Studien.
  • Auch eine Geburt - ob erwünscht oder ungewollt - kann psychische Folgen haben. Ein grosser Teil der jungen Mütter leidet unter mehr oder weniger starken "Baby Blues". Aber immerhin 15 bis 25 Prozent leiden im ersten Jahr nach der Geburt unter ernsten, behandlungsbedürftigen Depressionen. (Davé Sh., Almond P.)

Adler NE. et al. "Psychological Responses after Abortion", Science 248:41-44, 1990
Almond P. "Postnatal depression: a global public health perspective", Perspect Public Health 129(5):221-7, 2009
American Psychological Association APA "Report of the APA task force on mental health and abortion", 5.7.2008
Barbey MA./Allaman, L. "Femmes, corps et âmes - Témoignages". Éd. ZOÉ, 1997
Barnett W. et al. "Eine regionale Prospektivstudie psychischer Folgeerscheinungen der Notlagenabruptio", Fortschr.Neurol.Psychiat. 54:106-118, 1986
Blaser A. et al. "Psychodiagnostisches zur Indikation des Schwangerschaftsabbruchs", Schweiz.med. Wschr. 105:436-38, 1975
Dagg P. "The Psychological Sequelae of Therapeutic Abortion - Denied and Completed", Am.J.Psych. 148:578-85, 1991
Davé Sh. et al. "Incidence of Maternal and Paternal Depression in Primary Care", Arch Pediatr Adolsc Med. Published online September 6, 2010. doi:10.1001/archpediatrics.2010.184
Greer HS. et al."Psychosocial Consequences of Therapeutic Abortion", Br.J.Psych. 128:74-79, 1976
Holzhauer B. "Schwangerschaft und Schwangerschaftsabbruch", Krim.Forschungsberichte, Max-Planck-Inst., Band 38, 1989
Kellerhals J. et al. "Le sens de l'avortement", Georg, 1976
Kero A. et al. "Wellbeing and mental growth—long-term effects of legal abortion", Social Science & Medicine, Vol. 58, Issue 12, 2559-2569, 2004
Knopf M. et al. "Traurig und befreit zugleich", rororo Sachbuch, 1995
Leuthard E. "Bedingungsfaktoren positiver und negativer Gefühle nach einer Abtreibung", Liz.arbeit, Psychol. Inst. Univ. Zürich, 1984
Major B. et al. "Psychological Responses of Women After First-Trimester Abortion", Arch Gen Psychiatry 57:777-84, 2000
Mall-Haefeli M. et al. "Eine Prospektivstudie des Sozialmed.Dienstes der Univ.-Frauenklinik Basel über den Schw.abbruch", Arch.für Gyn. 228:389-391, 1979
Paczensky S. von "Gemischte Gefühle", Beck'sche Reihe, 1987
Petersen P. "Seelische Folgen nach legalem Schwangerschaftsabbruch", Deutsch.Ärztebl. 15:1205-1212, 1977
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Romans-Clarkson SE. "Psychological Sequelae of Induced Abortion", Austr.and NZ J.Psych. 23:555-65, 1989
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Wanner O. "Schwangerschaftsabbruch aus psychiatrischer Indikation im Urteil von 242 betroffenen Frauen", Schweiz.med.Wschr. 104:22-27, 1974
Zolese G. "The Psychological Complications of Therapeutic Abortion", Brit.J.Psych. 160:742-49, 1992

Langzeit- und Vergleichsstudien SA/Geburt

Der SA, wenn er unter guten Bedingungen durchgeführt wurde, hat weniger negative psychische Folgen als die Geburt eines ungewollten Kindes.

Es gibt eine ganze Reihe von in- und ausländischen Untersuchungen, welche Frauen nach einem SA mit Frauen verglichen haben, die eine Schwangerschaft austrugen:

  • Eine US-Studie verglich 773 Frauen, die vor mind. 7 Jahren einen SA hatten, mit 3'000 Frauen, die geboren hatten: Es fand sich kein Unterschied im psychischen Wohlbefinden der beiden Gruppen. Mehrere weitere Studien kommen zum gleichen Schluss (Russo, 1992 und 1997, Schmiege 2005). Frauen mit einem SA hatten hingegen ein deutlich höheres Selbstwertgefühl als solche, die ein unerwünschtes Kind zur Welt gebracht hatten (Russo, 1992).
  • In einer schweizerischen Untersuchung von Frauen 15 Jahre nach einem SA fand Hurni (1981), dass diese nicht häufiger den Arzt oder den Psychiater aufsuchten als Frauen, die die Schwangerschaft ausgetragen hatten. Die beiden Gruppen unterschieden sich nicht in ihrem gesundheitlichen Befinden.
  • In Dänemark wurden 18 von 10'000 Frauen, die 1975 einen SA hatten, in einer psychiatrischen Klinik hospitalisiert, gegenüber 12 von 10'000 Frauen nach einer Geburt (David, 1985).
  • Brewer (1977) fand 0,3 Promille Abortpsychosen gegenüber 1,7 Promille Psychosen nach Geburt.
  • In der Untersuchung von Holzhauer (1989) gaben 69% der Frauen mit Schwangerschaftsabbruch an, dass sie voll zu ihrem Entschluss stehen würden. 23.5% hatten manchmal, 4.8% oft Zweifel, während 3% ihren Entscheid im Nachhinein für falsch hielten. Bei Frauen, die eine ungeplante Schwangerschaft austrugen, hatten bloss 57% keine Zweifel an der Richtigkeit ihrer Entscheidung.
  • Die wohl umfassendste Studie stammt aus England (Gilchrist, 1995): 2'000 Frauen, die einen SA hatten, wurden während 10 Jahren beobachtet und mit 3'000 Frauen verglichen, die eine ungeplante Schwangerschaft ausgetragen hatten: Es fanden sich zwischen den beiden Gruppen keine Unterschiede betr. Psychosen, Depressionen, Angstzuständen und anderen psychischen Erkrankungen.
  • Auch Teenager leiden nach einem Schwangerschaftsabbruch nicht öfter unter Depressionen oder geringem Selbstwertgefühl, als wenn sie eine Schwangerschaft austragen (Zabin 1989, Warren 2010).
  • In einer Studie (Trine Munk-Olsen, 2011), die auf dem dänischen Gesundheitsregister basiert, das sämtliche Spitalaufenthalte und Arztbehandlungen erfasst, wurden 85'000 Frauen, die zwischen 1995 und 2007 erstmals eine Schwangerschaft abbrachen mit 280'000 Frauen, die im selben Zeitraum ihr erstes Kind gebaren, verglichen. Die abbrechenden Frauen hatten in den 12 Monaten nach dem Abbruch nicht öfter einen Erstkontakt mit einem Psychiater als in den 9 Monaten vorher. Die Erstgebärenden hingegen beanspruchten in den ersten 6 Monaten nach der Geburt deutlich öfter psychiatrische Hilfe als vorher. Die Autoren schliessen, die Hypothese, wonach ein Schwangerschaftsabbruch das Risiko psychischer Störungen erhöhe, werde durch die Studie widerlegt.

Athanasiou R. et al. "Psychiatric Sequelae to Term Birth and Induced Early and Late Abortion", Fam.Plann.Persp, 5:227-231, 1973
Brewer C. "Incidence of Post-Abortion Psychosis: A Prospective Study", Br.Med.J. 1:476-477, 1977
Charles V.E. et al "Abortion and long-term mental health outcomes: a systematic review of the evidence". Contraception 78 (2008) 436-450
David HP. "Post-Abortion and Post-Partum Psychiatric Hospitalization", Ciba Found.Symp. 115:150-164, 1985
Gilchrist AC. et al. "Termination of Pregnancy and Psychiatric Morbidity" Brit.J.Psych. 167:243-48, 1995
Holzhauer B. "Schwangerschaft und Schwangerschaftsabbruch", Kriminol. Forschungsberichte, Band 38, Max-Planck-Inst. Freiburg, 1989
Hurni M. "Interruption de grossesse - 15 ans après", Thèse med., Lausanne, 1981
Kooistra P.A.A. et al. "Na een abortus provocatus geen hogere medische consumptie in de huisartsenpraktijk dan ervoor", Ned Tijdschr Geneeskd. 2007;151:409-13
Munk-Olsen T. et al. "Induced First-Trimester Abortion and Risk of Mental Disorder", N.Engl.J.Med 2011;364:332-9
Russo NF. et al. "Abortion, Childbearing and Women's Wellbeing", Prof. Psychol: Research and Practice 23:269-80, 1992
Russo NF, Dabul AJ. "The Relationship of Abortion to Well-Being", Prof. Psychol: Research and Practice 28:23-31, 1997
Schmiege S., Russo NF. "Depression and unwanted first pregnancy: longitudinal cohort study", BMJ, doi:10.1136/bmj.38623.532384.55 (published 28 October 2005)
Warren JT et al, Do depression and low self-esteem follow abortion among adolescents? Evidence from a national study, Perspectives on Sexual and Reproductive Health, 2010, 42(4):230–235.
Zabin LS. et al. "When Urban Adolescents Choose Abortion", Fam.Plann.Persp.21:248-255, 1989

Die Mütter wider Willen

Mehrere Studien fanden, dass etwa ein Viertel bis ein Drittel der Frauen, welchen ein SA verweigert wurde, auch Jahre danach noch negative Gefühle oder schwerwiegende psychische Probleme hatten.

Höök K. "Refused Abortion. A follow-up Study", Acta Psych.Scand (Suppl) 168:3-156, 1963
Buser-Wildi R. "Über die uneheliche Schwangerschaft und deren Unterbrechung aus psychiatrischer Indikation", Diss.Zürich, 1948
Pare CMB, Raven H. "Psychiatric sequelae to therapeutic abortion", Lancet 1: 635-38, 1970
Stamm H. "Probleme des legalen Aborts in der Schweiz", Ars Medici, 1974
Barber JS et al. "Unwanted childbearing, health, and mother-child relationships", J Health Soc Behav. 1999 Sep;40(3):231-57

Der SA als Lernprozess

Ungewollt schwanger zu werden, wird von Frauen oft als persönliches Versagen empfunden. Sie machen sich Selbstvorwürfe. Doch bewirkt die intensive Auseinandersetzung mit Sexualität, Partnerschaft, Fruchtbarkeit, Kinderwunsch, Lebenszielen während der Entscheidfindung häufig einen Reifeprozess.

Die Frau geht gestärkt, erwachsener, unabhängiger aus diesem Prozess hervor. Sie gewinnt an Selbstwertgefühl. Das Erlebnis kann positive Veränderungen in ihrem Leben auslösen und zur Klärung ihrer Lebenssituation beitragen.

Ensner H. et al. "Ungewollte Schwangerschaft als Konflikt", PRAXIS, 84:881-5, 1995
Lunneborg P. "Jetzt kein Kind - Warum Abtreibung eine positive Entscheidung sein kann", Campus Verlag, 1996

Schwangerschaftsabbruch und Selbstmordtendenz

Studien aus Finnland (Gissler 1996, 1997 und 2004) fanden bei Frauen, die einen SA hatten, eine höhere Sterblichkeit, bzw. eine höhere Selbsttötungsrate als allgemein in der weiblichen Bevölkerung und als bei Frauen, die geboren hatten. Die Abtreibungsgegner haben auch diese Studien fehlinterpretiert und für ihre Zwecke missbraucht.

Erstens ist die Zahl der Selbsttötungen nach einer Abtreibung sehr klein. Zweitens sagen die Studien überhaupt nichts aus über den sozialen Hintergrund der Frauen, bzw. die Gründe der Selbsttötungen. Die Schlussfolgerung der AutorInnen zur Studie von 1996: "Das erhöhte Selbstmordrisiko nach SA weist entweder auf gemeinsame Risikofaktoren [für SA und Selbsttötung. Anm. d. Red.] oder auf schädliche Auswirkungen des SA auf die psychische Gesundheit hin." In der Publikation von 1997 konkretisieren sie: "Das erhöhte Risiko eines gewaltsamen Todes (Unfall, Selbstmord, Mord) von Frauen nach einem Schwangerschaftsabbruch, im Vergleich zu anderen Frauen, stand wahrscheinlich im Zusammenhang mit ihrem sozialen Umfeld und ihrem Lebensstil". Diese Variablen konnten aber in den Studien, die sich ausschliesslich auf die Todesfallstatistik stützten, nicht berücksichtigt werden. Der gewaltsame Tod der Frauen war somit eher durch ihre Lebensumstände als durch die Abtreibung verursacht.

Was liegt näher als die Vermutung, dass Frauen, die eine Schwangerschaft abbrechen, sich in unglücklicheren Lebensumständen befinden in Bezug auf ihre Partnerschaft oder ihr soziales und gesellschaftliches Umfeld, als Frauen, die ein Kind zur Welt bringen? Dass also ihre Tendenz zur Selbsttötung aus diesem Grund und nicht wegen des SA erhöht ist?

Unter den 2000 Frauen, die in England nach einem SA während 10 Jahren beobachtet wurden (Gilchrist, 1995), gab es keinen Selbstmord.

In der wissenschaftlichen Analyse der vorhandenen Studien über psychische Folgen eines Schwangerschaftsabbruchs durch ein Team der Johns Hopkins Universität wurde die Studie von Gissler wegen ihrer Lücken als dürftig eingestuft. Vorbestehende Variablen (Alter, soziale Umstände, psychische Gesundheit vor dem Abbruch etc. etc.) wurden nicht berücksichtigt (Charles V.E. et al "Abortion and long-term mental health outcomes: a systematic review of the evidence". Contraception 78 (2008) 436-450).

Gissler M et al. "Suicides after pregnancy in Finland, 1987-94: register linkage study", BMJ 313: 1431-4, 1996
Gissler M et al. "Pregnancy-associated deaths in Finland 1987-94", Acta Obstet Gynecol Scand 76:651-57, 1997
Gissler M et al. "Pregnancy-associated mortality after birth, spontaneous abortion, or induced abortion in Finland, 1987-2000", Am J Obstet Gynecol 190:422-7, 2004
Gilchrist AC. et al. "Termination of Pregnancy and Psychiatric Morbidity", Brit.J.Psych. 167:243-48, 1995

Spätabbrüche

Jene Studien, die die Reaktion der Frauen auf einen späten Abbruch der Schwangerschaft (im 2. Trimester) wegen fötaler Missbildungen untersucht haben, deuten darauf hin, dass die negativen psychologischen Reaktionen dieser Frauen vergleichbar sind mit jenen nach einer Fehl- oder Totgeburt oder nach dem Tod eines Neugeborenen, dass sie hingegen schwächer sind als bei Frauen, deren Kind mit lebensgefährlichen Abnormitäten geboren wurde.

Iles, S., & Gath, D. (1993). "Psychiatric outcome of termination of pregnancy for fetal abnormality." Psychological Medicine, 23(2), 407-413
Kersting, A., Dorsch, M., Kreulich, C., Reutemann, M., Ohrmann, P., Baez, E., et al. (2005). "Trauma and grief 2-7 years after termination of pregnancy because of fetal anomalies—A pilot study." Journal of Psychosomatic Obstetrics & Gynecology, 26(1), 9-14
Lorenzen, J., & Holzgreve, W. (1995). "Helping parents to grieve after second- trimester termination of pregnancy for fetopathic reasons." Fetal Diagnosis & Therapy, 10(3), 147-156
Rona, R. J., Smeeton, N. C., Beech , R., Barnett, A., and Sharland , G. (1998). "Anxiety and depression in mothers related to heart of the child and foetus." Acta Pædiatr 87, 201–205
Salvesen, K. A., Oyen, L., Schmidt, N., Malt, U. F., & Eik-Nes, S. H. (1997). "Comparison of long-term psychological responses of women after pregnancy termination due to fetal anomalies and after perinatal loss." Ultrasound Obstetrics & Gynecology, 9, 80-85
Zeanah, C. H., Dailey, J. V., Rosenblatt, M. J., & Saller, D. N., Jr. (1993). "Do women grieve after terminating pregnancies because of fetal anomalies? A controlled investigation." Obstetrics & Gynecology, 82(2), 270-275


Schweizer Studie

Wenig psychische Probleme

Eine neuere Schweizer Studie bestätigt, was in der internationalen Fachliteratur längst erhärtet ist: Psychische Folgen nach einem Schwangerschaftsabbruch sind selten.

In Genf wurden 103 Frauen 6 Monate nach dem Abbruch befragt. 10% hatten psychische Probleme, die allerdings nicht unbedingt eine Folge des Abbruchs waren, sondern ebenso mit ihrer schwierigen Lebenssituation zusammenhingen. (10% psychisch Angeschlagene finden sich auch in der "normalen" Bevölkerung. 10-15% aller Mütter leiden an einer schweren Depression nach einer Geburt.)

Die Befragung zeigte auch, dass sich Frauen nicht unter dem Druck der Umgebung zum Abbruch entschliessen, sondern aus freiem Entscheid. Sie wollen ihre Lebensperspektiven nicht aufgeben oder ein Kind nicht in eine nicht tragfähige Beziehung hinein zur Welt bringen.

Bianchi-Demicheli F, Kulier R, Perrin E, Campana A. Induced Abortion and Psychosexuality. J Psychosom Obstet Gynaecol. 2000;21(4):213-7.
Bianchi-Demicheli F, Perrin E, Lüdicke F, Bianchi PG, Chatton D, Campana A. Sexuality, partner relations and contraceptive practice after termination of pregnancy. J Psychosom Obstet Gynecol 2001;22:83-90
Bianchi-Demicheli F, Perrin E, Lüdicke F, Bianchi PG, Chatton D, Campana A. Termination of pregnancy and women's sexuality. Gynecol. Obstet. Invest. 2002;53(1):48-53


Die Quellen der Abtreibungsgegner

Die von Abtreibungsgegnern erwähnten Zahlen stammen aus Studien von Fachleuten aus ihren Kreisen. In älteren Publikationen handelt es sich um anekdotenhafte Fallgeschichten (z.B. Speckhard, 1987) oder um ein sehr spezielles Patientinnengut : nämlich vor allem Frauen, die aus medizinischen Gründen oder wegen Missbildung des Fötus die Schwangerschaft - oft im fortgeschrittenen Stadium - abbrechen mussten (z.B. Maria Simon, 1986) oder junge Mädchen aus prekären Familienverhältnissen (Merz, 1979). Die Interpretation der Befunde durch solche AutorInnen ist oft mehr als fragwürdig:

  • wenn eine Frau sich nicht interviewen lassen will, so hat sie "verdrängte Schuldgefühle";
  • ein Mädchen wird kurze Zeit nach dem SA von einem Automobilisten angefahren. Er ist fehlbar, aber das Mädchen hat eine "Selbstbestrafungstendenz";
  • "80 % der Paare trennten sich wegen der Abtreibung." - Ist es nicht eher umgekehrt: die Abtreibung erfolgte u. a. deshalb, weil die Beziehung brüchig war?

Merz M. "Unerwünschte Schwangerschaft und Schwangerschaftsabbruch in der Adoleszenz", Huber, 1979br /> Ney PG. "The Effects of Pregnancy Loss on Women's Health", Soc.Sci.Med. 38:1193-1200,1994
Simon M. "Psychische Spätfolgen nach Schwangerschaftsabbruch", MedWelt 37:332-5, 1986
Speckhard AC."The Psycho-Social Aspects of Stress Following Abortion", Sheed and Ward, 1987

Die Pariser Abtreibungsgegnerin Dr. Marie Peeters malt Schreckensvisionen über die Folgen der Abtreibung, aber sie "foutiert sich um die Fachliteratur", wie sie selbst sagt. Und Maria Simon bezieht sich in ihren Arbeiten "nur auf die Literatur, die meine Erfahrungen bestätigt". Sie hält die Opferrolle der Frau für die natürliche.

In letzter Zeit häufen sich Publikationen durch das Elliot Institute von David Reardon und ihm nahe stehende AutorInnen (Coleman, Coyle, Cougle). Das Institut verfolgt eine klare anti-Abtreibungs-Mission. Im Jahr 2011 publizierte Priscilla Coleman eine Meta-Analyse (d.h. eine Zusammenfassung) von 22 Studien, die mit den Worten verbreitet wurde: "Die grösste Studie aller Zeiten belegt eindeutig, dass Abtreibung das Risiko von schweren psychischen Problemen um 81% erhöht."
Priscilla K. Coleman. "Abortion and mental health: quantitative synthesis and analysis of research published 1995–2009". British Journal of Psychiatry (2011) 199: 180-186

Diese Publikationen, wie insbesondere jene von Coleman sind auf harsche Kritik von Experten gestossen. Die englische Gesellschaft für Psychiatrie (Royal College of Psychiatrists) kommt zum Schluss, dass 10 der 11 Studien von Coleman, die sie in ihre Meta-Analyse eingeschlossen hat, von schlechter Qualität und daher irrelevant sind. Auch ExpertInnen um Julia Steinberg von der Universität von Kalifornien bezeichnen die Schlussfolgerung der Coleman-Publikation als unzulässig. Es handle sich um "Ramschwissenschaft", so der Kommentar des Psychologen Jim Coyne, Professor an den Universitäten von Pennsylvania (USA) und Groningen (NL). Wenn in einer Meta-Analyse Ramsch hineingegeben werde, komme Ramsch heraus - "garbage in, garbage out".

Skepsis ist auch gegenüber den sogen., durch Abtreibungsgegner ins Leben gerufenen Selbsthilfegruppen von "Opfern der Abtreibung" angebracht. Es wäre interessant zu wissen, wieviele und was für Frauen in solchen Gruppen mitmachen. Am Frauenspital Bern und im Frauenambulatorium Zürich wurden Angebote für solche Nachbearbeitungs-Gruppen mangels Nachfrage aufgegeben.

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