Abtreibung - Schwangerschaftsabbruch: Für das Recht auf einen freien Entscheid

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Aus der Sicht einer katholischen Feministin

Ethik und Fortpflanzung

Stark gekürzte Wiedergabe eines Vortrages von Frances Kissling, Präsidentin der "Catholics for a Free Choice", gehalten am 27.1.1988 an einem Symposium des Women's Resource and Research Center auf den Philippinen (aus: WGNRR-Newsletter, Jan-Aug. 1988)

Es gibt wohl kaum ein anderes Thema, das im 20. Jh. so viele Emotionen und Spaltungen hervorgerufen hat, wie das Recht der Frau, ihre eigene Fruchtbarkeit zu kontrollieren. Ein Land nach dem andern hat harte Auseinadersetzungen geführt über die Frage, ob es einer Frau erlaubt sein soll, selbst zu entscheiden, ob, wann und unter welchen Bedingungen sie ein Kind zur Welt bringen will. Das ist die ethische Kernfrage in der Diskussion um Mutterschaft und Fortpflanzung.

Ich bin Katholikin und Feministin. Viele werden sagen, dass diese beiden Dimensionen meines Lebens notwendigerweise im Widerspruch zueinander stehen. Ich glaube indessen, dass sowohl die römisch-katholische Kirche als auch der Feminismus viel zur Klärung der ethischen Fragen im Zusammenhang mit Mutterschaft und Fortpflanzung beigetragen haben. Heute ist die offizielle Position der römisch-katholischen Kirche eine absolute : Unter keinen Umständen - nicht bei Vergewaltigung, nicht bei Inzest, nicht bei Lebensgefahr - darf eine Frau eine Schwangerschaft abbrechen. Oft bringt diese Position sogar unsere kirchlichen Führer in Verlegenheit und sie sagen, dass es Situationen gibt, die einen indirekten Schwangerschaftsabbruch rechtfertigen. Z.B. wenn die Frau Gebärmutterkrebs hat oder bei einer Eileiterschwangerschaft. In diesem Fall, sagt die Kirche, handelt es sich nicht um Abtreibung, sondern um die Entfernung kranker Organe. Wenn ich jedoch einen lebensbedrohenden Herzfehler habe, darf ich nicht abtreiben, ich muss darauf vertrauen, dass Gott mir und meinem Kind erlaubt zu überleben.

Gegen diese starre Haltung der Kirche wenden sich Katholiken, Theologen und Laien gleichermassen, und ihre Opposition lässt sich theologisch sehr wohl begründen. Es ist durchaus möglich, Katholikin zu sein und gleichwohl für den freien Entscheid beim Schwangerschaftsabbruch einzutreten. Ich glaube, dass der wahre Sinn der fundamentalen Werte der katholischen Kirche uns eigentlich dazu führt, den Selbstentscheid zu befürworten.

Der Fötus als Person ?

In neuerer Zeit sagt man uns, dass eine Abtreibung unzulässig sei, weil der Fötus lebe; der Fötus sei eine Person und wir hätten kein Recht, ihm das Leben zu nehmen. Der Fötus besitze ein Recht auf Leben. In der Vergangenheit war dies nicht die Position der Kirche. Sogar heute im definitiven Dokument über die Abtreibung, das der Vatikan 1974 herausgab*, wird klar gesagt, dass die Kirche nicht weiss, wann der Fötus eine Person wird. Wenn wir die Geschichte der Kirche studieren, sehen wir, dass sie im Verlauf der Zeit zu genau diesem Punkt unterschiedliche Ansichten gelehrt hat. In den frühesten Zeiten der Kirche lehrte z.B. Thomas von Aquin, dass der männliche Fötus nach 40 Tagen, der weibliche nach 80 Tagen eine Person werde. Bereits hier zeigt sich die Frauenfeindlichkeit, die durch die ganze Geschichte der katholischen Kirche hindurchgeht.

Eine Position vertrat die Kirche sehr klar: dass nämlich der Fötus von dem Moment an Person werde, wo ihm der Schöpfer eine Seele eingibt. Was die Kirche lehrte, war, dass der Schöpfer niemals eine Seele in Materie oder in Material geben würde, das noch nicht entwickelt genug ist, einer Seele würdig zu sein, und viele Theologen glauben, dass dies mit der Zunahme der Hirnaktivität während der letzten Phase des 2. Trimesters einer Schwangerschaft eintritt. In neuerer Zeit haben feministische Theologinnen eigene Theorien über das Personsein des Fötus entwickelt. Sie stützten sich darauf, dass die Einwilligung, eine Person zur Welt zu bringen, Teil des Bündnisses von Maria mit Gott war. Daraus leiteten sie ab, dass personales Menschsein dann beginnt, wenn eine Frau eine Schwangerschaft bejaht, wenn sie zu Gott sagt und entscheidet: "Ich nehme diese Schwangerschaft an und bin bereit, dieses Kind zur Welt zu bringen".

Als Katholiken und Katholikinnen steht es uns frei, eine dieser Ansichten über den Beginn der Person anzunehmen oder eigene zu entwickeln; denn es gibt keine verbindliche katholische Lehrmeinung hierzu. Und das stellt auch das Dokument zur Abtreibung von 1974 klar. Im Gegensatz zu dem, was wir von unseren Bischöfen und Kardinälen hören, steht dort zu lesen, dass weder Medizin noch Biologie den Beginn der Persönlichkeit festlegen können, weil dies eine philosophische und theologische Frage ist. Das Dokument sagt weiter, dass bis heute innerhalb der Kirche nie Einigkeit über den Beginn der Persönlichkeit erzielt worden ist.

Du sollst nicht töten

Bedenkenswert ist ferner das kirchliche Gebot "Du sollst nicht töten". Dieses Gebot gilt für alle Lebensformen, aber trotzdem gibt es Hirtenbriefe, in denen Bischöfe nicht bereit sind ganz auszuschliessen, dass ein Atomkrieg unter Umständen gerechtfertigt sein könnte. D.h. sie weiten die Theorie des "gerechten Krieges" aus. Eine Theorie zur "gerechten Abtreibung" aber gibt es nicht. - Dies beruht darauf, dass es Frauen sind, die darüber entscheiden, ob und wann eine Schwangerschaft abgebrochen werden soll, hingegen Männer, die entscheiden, ob und wann sie in den Krieg ziehen. Unsere Kirchenführer sind eher bereit, der Urteilskraft von Männern zu vertrauen als der von Frauen.

Wenn wir uns fragen, ob es ethisch vertretbar sein kann, dass eine Frau die Abtreibung wählt, müssen wir uns zuerst klar werden, was wir vom Fötus glauben. Und hier müssen wir wissen, dass diejenigen von uns, die römisch-katholisch sind, die Freiheit haben, innerhalb der Kirche unter den gegensätzlichen Ansichten zu wählen.

Gewissensfreiheit

Es gibt eine lange Tradition der intellektuellen Freiheit innerhalb der katholischen Kirche, und es wird nach wie vor gelehrt: "Wo es Zweifel gibt, gibt es Freiheit". Und weil es hinsichtlich des fötalen Menschseins Zweifel gibt, muss es auch zu dieser Frage Freiheit geben.

Es gibt ferner eine lange Tradition der Gewissensfreiheit, die uns sogar dazu verpflichtet, unserem Gewissen zu folgen, wenn wir in Widerspruch zur kirchlichen Lehre stehen. Denn schliesslich, wenn wir sterben und vor unseren Schöpfer treten, müssen wir selbst unsere Taten verantworten. Weder Priester noch kirchliche Autorität übernehmen die Verantwortung für die Entscheidung der einzelnen Frau; die Frau muss für sich selbst Rede und Antwort stehen. Weiter entwickelt sich in der katholischen Theorie die Einsicht, dass wir Subjekte, Handelnde und nicht Objekte unseres Lebens sind. Als moralisch verantwortlich Handelnde müssen wir frei sein, im Einklang mit unseren Lebensumständen zu handeln.

Wir müssen auch verstehen, was es mit der päpstlichen Unfehlbarkeit auf sich hat. Der Papst kann nur dann Unfehlbarkeit beanspruchen, wenn es zu einer Frage eine konstante kirchliche Lehre gibt. Die Kirche hat zwar immer gelehrt, Abtreibung sei falsch. Aber es gibt keine konstante Lehrmeinung zur Frage des personalen Menschseins des Fötus. Es kann daher in der Frage der Abtreibung und der Schwangerschaftsverhütung keine Unfehlbarkeit geben.

Aus dem Gesagten geht hervor, dass viele fundamentale Grundsätze des Katholizismus es uns erlauben, für die Entscheidungsfreiheit beim Schwangerschaftsabbruch einzustehen. Man wirft uns vor, "für die Abtreibung" zu sein. Nichts wäre falscher. Unsere Haltung bedeutet lediglich, dass wir bereit sind, der Frau als Individuum zuzutrauen, dass sie ihre persönliche Situation beurteilen und entscheiden kann, ob ein Schwangerschaftsabbruch gerechtfertigt ist. Wir nehmen dabei in Kauf, dass einige Frauen falsch entscheiden werden, ebenso wie wir akzeptieren, dass es für einige Paare falsch sein wird, wenn sie entscheiden Kinder zu haben. Wir müssen nicht bloss über die moralische Tragweite des Entscheids sprechen, keine Kinder zu haben. Wir müssen auch fragen, wann es moralisch richtig ist, Kinder in diese Welt zu setzen. Ethik und Religion befassen sich überhaupt nicht mit dieser Frage. Dies wäre indessen eine weit wichtigere ethische Frage als diejenige der Abtreibung.

Empfängnisverhütung

Auch in der Frage der Empfängnisverhütung stellt sich die ethische Frage der freien Wahl. Es ist eine wachsende Tendenz festzustellen, den Zugang zu "künstlichen" Verhütungsmethoden zu beschneiden. Unter dem Einfluss des kirchlichen Verbots werden Frauen oft einseitig informiert und die Vorteile der "natürlichen" Methoden übertrieben. Es gibt indessen ein grundlegendes Gebot in der Medizin, dass der Patient über sämtliche Behandlungsmöglichkeiten informiert werden muss.

Die grösste Schwäche der kirchlichen Ethik liegt darin, dass die Kirche die künstliche Verhütung generell verbietet und die Abtreibung für die schwerwiegendste moralische Sünde unserer Zeit hält.

Neue Fortpflanzungstechnologien

Wiederum nimmt die katholische Kirche eine absolutistische Haltung ein: Sämtliche Methoden der künstlichen Fortpflanzung werden unter allen Umständen verboten, bis zur Leihmutterschaft - die übrigens nichts neues ist, ja man könnte sagen, Maria sei die erste Leihmutter gewesen. In einem derart komplexen Problem würden wir eine Begründung aus der Bibel, ein Abwägen der Vor- und Nachteile erwarten. Aber wir erhalten nichts als ein absolutes Verbot. Ja die Kirche geht so weit zu erklären, Kinder könnten nur durch den genitalen Sexualakt wirklich in Liebe gezeugt werden. Wir haben entschieden andere Vorstellungen darüber, was eine liebende Beziehung zwischen einem Paar ausmacht ! Im übrigen stimme ich in bezug auf die Leihmutterschaft mit der kirchlichen Lehre überein - obwohl aus anderen Gründen: Sie birgt die grosse Gefahr der Ausbeutung von Frauen in sich. Und so wie der Verkauf von Organen untersagt ist, dürfen wir auch nicht zulasse, dass Kinder verkauft werden.

Es gibt ein übergreifendes ethisches Prinzip, das uns im Bereich von Mutterschaft und Fortpflanzung leiten muss: das Prinzip der individuellen Wahl. Diejenigen Personen, die von irgendeiner Entscheidung im Bereich der Fortpflanzung am meisten betroffen werden, müssen auch die Entscheidung treffen. Die Medizin hat dabei informierende Funktion. Die Religion soll ehrliche und aufrichtige, ethische Richtlinien bereitstellen, aber nicht absolute Verbote. Partner, Eltern, Freunde sollen der Frau beratend zur Seite stehen. Aber letztlich müssen wir der einzelnen Frau zugestehen, aufgrund ihrer persönlichen Erfahrung ethisch zu entscheiden; denn sie hat mit den Konsequenzen zu leben.

* Erklärung zur Abtreibung – Quaestio de abortu (Declaratio de abortu procurato), 18. November 1974
AAS 66 (1974) 730-747; DOCUMENTA 23; DeS 3 (1998)
OR 25/26.12.1974, 1-2; CEE 203-235; DocCath 71 (1974) 1068-1073; EV 5, 418-443; LE 4332; Dokumenty, I, 23

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